Redebeitrag (2/7) vom 23.01.21 – Kay, Gefangener aus Moabit

Am 23.01.21, haben sich etwa 200 Menschen versammelten, um dem im Knast Moabit Ermordeten Ferhat Mayouf zu gedenken. Ihr findet alle Redebeiträge auf unseren Blog. Hier der von Kay, einem Gefangenem aus der JVA Moabit, als Audiobeitrag.

Wir haben seinen Beitrag, im Nachhinein, auch verschriffltich. Hier die Rede in Text Form:

Ferhat Mayouf – Das war Mord!

Es war Freitag, der 24.07.2020 und auf der Station Teilanstalt Ⅰ B4 unter der Leitung Frau Wedra blickt man in leere, traurige und verstörte Gesichter. Es gab einen Brandtoten in der Nacht von 23.07.2020 auf den 24.07.2020. In jener Nacht gegen 21:50 Uhr telefonierte ich mit meiner geliebten Freundin, um ihr gute Nacht zu sagen und dass ich sie vermisse. Kurze Zeit später legte ich mich ins Bett, bei weit geöffneten Fenstern und schaute TV. Draußen unterhielten sich der Zellenblock B und C der Teilanstalt Ⅰ.


Plötzlich sagte ein Insasse: „Da ist Rauch!“. Ich sprang auf und lauschte am Fenster. Der C-Block sagte, es ist im B-Block 4. Etage. Also meine Station. Eine durch Zufall laufende Schluse auf dem Hof wurde von dem C-Block angebrüllt, dass im B-Block Rauch ist. Ich ging mit einem Glas an meine Zellentür und lauschte durch dieses, um zu hören was los ist. Ein dumpfes Klopfen, eher Wummern nahm ich wahr in Verbindung mit Geschrei „Feuer, Hilfe, Feuer“. Es ging gute fünf Minuten so. Klopfen und Hilferufe. Irgendwann kam eine Schluse angerannt. Auf der Höhe meiner Suite sagte dieser zu sich: „Scheiße, du Wichser“. Nach circa zwei Minuten rannte die Schluse von Station. Wiederrum etwas später kamen jetzt mehrere Schlusen auf Station. Mittlerweile ist das Klopfen und Hilferufen verstummt. Kurz darauf hörte ich Badeschlappen der Insassen und es knallte an meiner Tür. Ein Insasse sagte: „Kay es brennt, da ist noch einer in der Zelle. Mach mal was!“. Die Station Teilanstalt Ⅰ B4 wurde bis zur Dusche geräumt, dann war es ruhig. Ich ging ans Fenster, da sah und hörte ich die Löschfahrzeuge sowie Rettungswagen. Es waren unterschiedliche Abrollgeräusche der Fahrzeuge zu hören, sowie Martinshörner.

2014 habe ich eine feuerwehr-technische Ausbildung bei der Berliner Feuerwehr absolviert und arbeitete als Rettungssanitäter in der Notfallrettung. Daher das Erkennen der Geräusche. Ich ging zurück an die Tür und es verging etwas Zeit. Kurz darauf hörte ich, wie die Feuerwehr und der PA (Pressluftatmer) ihrer Arbeit nachgingen. Die Schlauchkupplungen knallten auf den Boden und wurden an die hausinterne Steigleitung angeschlossen. Wasser marsch! Die Tür der Brandzelle wurde jetzt erstmalig geöffnet. Das Löschwasser schoss in die Zelle und es begann die Menschenrettung. Die Reanimation von Ferhat wurde eingeleitet – 30 Minuten später Rest in Peace.

Unter den Schutzbefohlen war diese Nacht Thema Nummer Eins und wir tauschten uns aus. Viele hörten das Wummern und das Schreien auch. Einer sah sogar wegen einem Loch in seiner Zellentür, dass zwei Schlusen sich berieten, was zu tun ist. Obwohl Ferhat noch aktiv war. Sie taten nichts. Dies sagte er der Kripo und als Dank wurde seine Zelle Tage später auf den Kopf gestellt, wie auch meine. Willkür lässt grüßen. Laut Justizsprecher Sebastian Brux konnte die Tür nicht geöffnet werden, weil diese angeblich heiß, verbogen und verbarrikadiert war. Absoluter Bullshit und der Versuch einen Mord durch das Knastsystem zu vertuschen. Es gab keine Brandzehrung am Lack der Tür, keine Verfärbung, keine Ausbeulung oder Lackabplatzungen. So heiß kann die Tür nicht gewesen sein, um sie nicht zu öffnen. Auch konnte sich Ferhat nicht verbarrikadieren, da die Tür nach außen hin öffnet. Selbst wenn er Haftrauminventar vor der Tür in Brand gesetzt haben sollte, wie konnte er noch an dieser Tür lautstark klopfen? So lange Arme hat er nicht und würde durch das Feuer vor der Tür gar nicht mehr an sie herankommen. Ich schrieb einen Augenzeugenbericht und dieser wurde via Post von der JVA abgefangen. Obendrauf gab es noch einen Maulkorb in Form von Postkontrolle der 42. großen Strafkammer. Richterin Frau Wierum, Frau Borth und Richter Jürcke. Die gefährliche Wahrheit sollte nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Es gelang mir dennoch.

Ein Pfleger des Justizkrankenhauses sagte mir im Mai 2020: „Die JVA, egal ob Moabit, Tegel, Plötzensee oder Heidering stehen unter Beobachtung der Öffentlichkeit. Es sollen so wenig wie möglich Suizide nach draußen gelangen.“

Brux äußerte weiter, die Schlusen dürfen beim Brand keine Türen öffnen. Es soll wohl ein Schreiben der Berliner Feuerwehr diesbezüglich geben mit diesem Verbot. Aus einer internen Berliner Feuerwehrquelle weiß ich, solch ein Schreiben existiert nicht. Zwei Wochen später brannte es erneut in einem Haftraum. Es wurde von den Schlusen gelöscht. Herr Brux, was denn nun? Tür auf oder Tür zulassen. Man hätte Ferhat das Leben retten können, wenn man es gewollt hätte und einen Arsch in der Hose hat. Frau Anke Stein sie als Leiterin der JVA Moabit und Frau Wedra sie als Leiterin der Teilanstalt Ⅰ haben gemordet und Blut an ihren Händen. Legen sie ihr Amt nieder und gestehen sie sich ihre Fehler ein. Ich forderte euch, die Demonstranten dazu auf, dieses Knastsystem in unserer Gesellschaft nicht länger zu dulden und die Justizknechte zur Verantwortung zu ziehen.

No justice – No peace!

Den Aufruf zum 23.01.21 findet ihr hier und andere Redebeiträge findet Ihr auf unserem Blog